03. Mai 2021

Was gute von schlechter Ideologiekritik unterscheidet

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Ein bemerkenswertes Phänomen.
„Unglaublich“ würden wohl einige andere Menschen sagen.
Denn niemand von ihnen hätte es jemals für möglich gehalten, daß sich auf deutschen Boden bei all der Adolf-Hitler-dritte-Reich-Ideologie-Aufklärung nochmals wiederholen könnte, worüber die ganze Zeit aufzuklären versucht wurde.

Die BRD übte sich fleißig in Ideologiekritik an der dritten-Reich-Ideologie, doch nach und mit den Corona-Monaten wird für viele Menschen offensichtlicher, daß die BRD im Kern selbst ideologisch ist und auch schon immer war.
Ein klassisches Eigentor.
Die „BRD-Sekte“ ist ein Paradebeispiel eines schlechten Ideologiekritikers.

Was ist Ideologiekritik?

Ideologiekritik konfrontiert eine Ideologie mit ihrer eigenen Realität.
Sie hält der Ideologie den Spiegel vor.
Die Ideologiekritik weist nach, daß die bestehende Ordnung der Ideologie zu sich selbst in Widerspruch steht.

Das ist so etwas Ähnliches wie geistiges Aikidō:
Den Impuls des Ideologen aufnehmen, die Angriffsenergie umleiten und ohne größere Kraftanstrengung wieder zurück zum Absender schicken.

Ideologiekritik dient dazu, verborgene, unausgesprochene und verhüllte Strukturen, Interessen und Widersprüche offen darzulegen.
Durch die öffentliche Thematisierung wird der Widerspruch der Ideologie auch vielen anderen Menschen zugänglich gemacht.

Dabei werden die einzelnen in Erscheinung tretenden Phänomene einer Ideologie einander gegenübergestellt.
Können sachlich-logisch keine Beziehungen zwischen den Phänomenen der Ideologie hergestellt werden, werden die Widersprüche der Ideologie offensichtlich.

Diese Widersprüche werden in einem zweiten Schritt öffentlich thematisiert.
Öffentlich, damit die Widersprüche im Gesamtsozialgefüge noch offensichtlicher werden.
Die normativen Strukturen einer Ideologie werden durch die Offenlegung dieser Widersprüche aufgebrochen, so daß die normative Kontrolle (→ Manipulation von Denken, Fühlen und Wollen) ihre zwingende Kraft verliert.

In und an einer Ideologie wären keinerlei Widersprüche auffindbar, sofern der Mensch keinerlei Sinn für Logik hätte.
Deshalb bedient sich die Ideologiekritik im Idealfall auch ausschließlich sachlich-logischer Urteile.

Wie Ideologiekritik gerne geäußert wird aber nicht geäußert werden sollte

Die Qualität einer Ideologiekritik steht und fällt zu allererst mit der Fähigkeit des Ideologiekritikers, zwischen sachlich-logischen, emotional-ästhetischen und moralisch-ethischen Urteilen unterscheiden zu können.

Der Ideologiekritiker könnte sich nämlich beispielsweise darin versuchen, eine Ideologie deshalb kritisieren zu wollen, weil sie ihm unsympathisch ist.
Mit diesem emotionalen Urteil bekundet der Ideologiekritiker indirekt, daß ihm eine andere Ideologie sehr wohl sympathischer wäre.

Genauso aber könnte sich der Ideologiekritiker in moralischen Urteilen verheddern.
Er sucht und findet lauter Gründe, warum die Ideologie, die er kritisiert, abgrundtief böse ist.
Und weil er die „böse Ideologie“ kritisiert, kann er nur ein „guter Mensch“ sein.

Bei der Ideologiekritik geht es jedoch um das Aufzeigen von Widersprüchen.
Es geht um Wahrheit.
Deshalb sind sachlich-logische Urteile gefragt.
Widersprüche können nicht mit Sympathiebekundungen oder Moralpredigten offengelegt werden.
Das geht nicht.

Die BRD hatte sich darin jedoch versucht.
Sie hatte ständig die moralische Keule über Adolf Hitler, das dritte Reich und schließlich über vermeintliche „Reichsbürger“ geschwungen und sich selbst als das das einzig Gute hingestellt.
Eine geschichtliche Aufarbeitung des zweiten Weltkriegs mit einem wahrhaftigen anstatt emotionalen und moralischen Fokus hat wohl kaum ein Schüler innerhalb der BRD kennengelernt.

Die Corona-Monate haben gezeigt, daß es der BRD nie um Wahrheit ging.
Kritiker werden weiter mit Bezeichnungen wie „Covidioten“, „Demokratiefeinde“ oder „Verschwörungstheoretiker“ moralisch abgeurteilt.
Es wurde mit den Kritikern nie eine gemeinsame öffentliche Auseinandersetzung über die vermeintliche Corona-Pandemie geführt, welche letztlich der Wahrheitsfindung hätte dienen können.

Die Gefahr in der gegenwärtigen Ideologiekritik

Bei aller gegenwärtiger Kritik, die nun an den Corona-Maßnahmen oder auch an der BRD geäußert wird, ist die Versuchung groß, den Fehler der BRD zu wiederholen:
Der Ideologiekritiker driftet ins Moralische ab.

Einerseits, weil moralische Kritik einfacher zu sein scheint.
(Das Gegenteil ist allerdings der Fall …!)
Andererseits weil beispielsweise die geistige, seelische und körperliche Vergewaltigung unserer Kinder – und ja, damit spreche ich auch den pädophilen Sumpf an! – die emotionalen und moralischen Urteile in (fast) jedem Menschen mit aller Vehemenz hervorrufen.

Es ist eine nicht zu unterschätzende Herausforderung, bei solchen Themen noch sachlich zu bleiben.
Aber diese Prüfung ist zugleich zu meistern, wenn wir nach dem Ableben der BRD nicht gleich der nächsten Ideologie den roten Teppich ausrollen wollen.

Als ideologische Ideologiekritiker sind wir für uns selbst als auch für nachfolgende Generationen nur bedingt von Nutzen.
Die nachfolgenden Generationen, für die wir vorgeben uns beispielsweise beim Themenkomplex der Pädophilie einzusetzen, würden später immer deutlicher erkennen, daß wir die Diktaturen lediglich ausgetauscht haben.

Fragen, die sich ein guter Ideologiekritiker stellen sollte

Grundsätzlich ist es für den guten Ideologiekritiker ratsam, sich in Selbstreflexion zu üben.
Wie bereits angedeutet, wäre es darüber hinaus auch sehr dienlich für ihn, wenn er zwischen den Urteilsarten seiner drei Seelenkräfte zu unterscheiden weiß.

Der Ideologiekritiker hat – wie jeder andere Mensch auch – die Innen- und die Außenwelt zur Selbstreflexion zur Verfügung.
Beginnt der Ideologiekritiker mit der Innenwelt, stellt er Fragen nach seinem eigenen Warum:
„Was treibt mich zu meiner Ideologiekritik an?“
„Welches Motiv verfolge ich mit meiner Ideologiekritik?“

So wie es bei der Ideologiekritik darum geht, einer Ideologie den Spiegel vorzuhalten, muß sich der aufrichtige und sich selbst reflektierende Ideologiekritiker die Frage stellen, ob die von ihm erkannte Ideologie nicht auch ein Spiegel für ihn selbst ist:
„Warum begegnet mir diese Ideologie?“
„Seit wann ist das, was ich kritisieren möchte, ideologisch?“
„Wo liegt die Wurzel dieser Ideologie?“
„Finde ich diese ideologische Wurzel auch in meinem Weltbild und somit in meiner eigenen Ideologiekritik?“

Der aufrichtige und sich selbst reflektierende Ideologiekritiker wird über die Außenwelt auf das eigene Warum nochmals zurückgeworfen.
Das mag unangenehm sein.

Doch es könnte sein, daß ihn die Frage nach der Wurzel aller Ideologien gar nicht mehr losläßt.
Und es könnte sein, daß er darin einen Schatz findet, der ihm die Werkzeuge an die Hand gibt, noch unzählige weitere Ideologien schon im Ansatz zu erkennen.
Ideologien, die er als Ideologiekritiker selbstverständlich kritisieren darf, ehe anderen Menschen überhaupt bewußt geworden ist, daß sie einer weiteren Ideologie folgen.

Was bei jeder guten Ideologiekritik ebenfalls erwähnt werden sollte

Zugegeben.
Das ist jetzt Zukunftsmusik.
Doch der Ideologiekritiker sollte bei seiner Kritik mit anfügen auf welcher erkenntnistheoretischen Grundlage sein eigenes Weltbild aufbaut.

Folgt er nämlich einer ideologischen Erkenntnistheorie, wird auch sein Weltbild ein ideologisches sein.
Kann er keine Erkenntnistheorie als Fundament für sein Weltbild benennen, dann ist die Wahrscheinlichkeit recht groß, daß er unbewußt einer ideologischen Erkenntnistheorie folgt.
Diese These sollte selbstständig überprüft werden.
(Nicht auszudenken, was geschehe, wenn sich diese These wie ein unhinterfragtes Virus zu einer unhinterfragten Pandemie entwickelt …)
Denn der Ideologiekritiker, der keine erkenntnistheoretische Grundlage für sein eigenes Weltbild angibt, läßt durch dieses Unterlassen vermuten, daß er sich in seinem Wahrnehmen und Erkennen der Wirklichkeit noch nicht tiefergehend selbst reflektiert hat.

Diese Angabe sollte einerseits eine wohlwollende Gefälligkeit an den Leser oder Zuhörer der Ideologiekritik sein.
Denn der Leser sollte keinen unendlich langen Text lesen müssen, um am Ende festzustellen, daß die Ideologiekritik von einem weiteren Ideologien niedergeschrieben wurde.
Er sollte mit einem Blick feststellen können aus welcher Perspektive auf die Wirklichkeit diese Ideologiekritik verfaßt wurde.

Daß der Ideologiekritiker bei jeder seiner Ideologiekritiken noch die erkenntnistheoretische Grundlage seines Weltbildes mit angeben sollte, hat noch einen weiteren Grund.
Denn jedem kritischen Leser sollte über diesen Weg auf Anhieb die Möglichkeit gegeben werden, dem Ideologiekritiker den Widerspruch seiner eigenen Ideologie aufzuzeigen.
Der wahrhaftige Ideologiekritiker sollte daran ein ernsthaftes Interesse haben.
Denn über diesen Weg bekommt er Hilfe bei seiner persönlichen Selbstveredelung, die immer freier von jeglicher Ideologie wird.

Falls der Ideologiekritiker nun eine wahre Erkenntnistheorie für sein Weltbild und seine Kritik benennen kann, dann sollte der Leser die Möglichkeit haben, den Ideologiekritiker sofort darin zu überprüfen, ob er sich tatsächlich an sein eigenes erkenntnistheoretisches Fundament gehalten hat.
Denn: Wenn der Ideologiekritiker sich nicht an die angegebene und wahre Erkenntnistheorie gehalten haben sollte, rutscht er – der Leser wird es ahnen – wieder in eine Ideologie.

Diese Zukunftsmusik ist keine Forderung, die irgendwann gesetzlich umgesetzt werden sollte.
Dann wäre es Zwang und keine freie Entscheidung.
Es sollte unserer Kultur selbst überlassen werden, ob sie diesen Vorschlag zu einem kulturellen Brauch machen möchte.

Wir maßen uns schließlich immer wieder an, in dem Land der Dichter und Denker zu leben und mit dem Geist der Wahrheit verheiratet zu sein.
Doch wenn ich es als Ideologiekritiker vermeide, das erkenntnistheoretische Fundament meines Weltbildes anzugeben, aus Angst davor, daß man mir meine eigene Ideologie aufzeigt, dann kann es um meine Wahrhaftigkeit am Ende des Tages nicht sonderlich gut bestellt sein.

Ich befände mich in meiner Handlung auf einmal in einem Widerspruch zu meinen Predigten, doch bitte schön die Wahrheit hochzuhalten.
Und dieser Widerspruch ist ein Beleg wofür?
Richtig! Er ist ein Beleg dafür, daß ich selbst noch etwas Ideologisches mit mir herumtrage.

Der Umgang mit Kritik an der eigenen Ideologiekritik

„Jeder Mensch ist zu etwas Nutze – und sei es nur als schlechtes Beispiel.“
(Ein ehemaliger Kommilitone)

Die BRD hat dem Ideologiekritiker sehr gut gezeigt, wie er mit Kritik an der eigenen Ideologiekritik eben nicht umzugehen hätte:
Die Kritiker moralisch zu verurteilen, versuchen die Kritiker mundtot zu machen oder auch die Wahrheit zu unterdrücken.

Wer austeilt, muß auch einstecken können.
Der aufrichtige Ideologiekritiker kann kein Interesse daran haben, daß er selbst zum Ideologen wird.
Er muß sich die Kritik an seiner Ideologiekritik nicht nur gefallen lassen.
Nein, er muß sogar zur Kritik einladen.
Geistiges Ringen, das sportlich genommen wird, um fleißig zu üben.

Er sollte zur Kritik einladen, nicht nur, um sich ein weiteres Mal selbst reflektieren zu können.
Nein, sondern auch, wenn die Kritik kommt, um zwei Fragen an seinen Kritiker zu stellen:

  1. „Basiert Deine Kritik auf einem sachlich-logischen, emotional-ästhetischen oder moralisch-ethischen Urteil?“
  2. „Auf welcher wahren oder ideologischen Erkenntnistheorie baut Dein Weltbild auf?“

Der Ideologiekritiker wird allein mit diesen beiden Fragen ganz charmant seinem Auftrag als Ideologiekritiker abermals gerecht:
Er weist seine Mitmenschen auf die Existenz und die Wurzel von Ideologien hin.
Sie werden für die Frage nach einer wahren Erkenntnistheorie sensibilisiert.
Zukunftsmusik wird zunehmend zur Gegenwart.

Zwar werden diese fragenden Hinweise nicht von jedem Menschen auf Anhieb verstanden.
Auch der Kritiker des Ideologiekritikers braucht Übung.
Doch gerade deshalb sollte sich der Ideologiekritiker davor hüten, diesen Umstand emotional oder – wie die BRD – moralisch zu verurteilen.

Denn Übung macht schließlich den Meister und einige Menschen brauchen dazu wiederum Zeit.
Und diese „geistige Freiheit“ sollte den Mitmenschen schon gerne gelassen – ja sogar gegeben – werden, weil es ansonsten schon wieder ideologisch wird …

Physisch erwachsen, das werden wir scheinbar von ganz allein.
Geistig hingegen – das müssen wir wirklich wollen!

Dies ist ein Artikel aus der Artikelserie: Das Hamsterrad der Ideologien
Dieser Artikel baut auf der erkenntnistheoretischen Grundlage von Rudolf Steiner auf. (vgl. GA 1 bis GA 4)

Martin Matzat

Martin Matzat ist Philosoph, Blogger und Autor sowie Erkenntnis- und Ideologieforscher. Der Dipl. Wirtschaftsingenieur, den die Lösung der sozialen Frage umtreibt, ist bis zur erkenntnistheoretischen Grundlage unserer Weltbilder vorgedrungen und sieht darin die Ursache gegenwärtiger und sich zukünftig wiederholender Ideologien.


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