10. Mai 2021

Was versteht man unter einer Ideologie?

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Man?
Wer ist hier man?
Warum nicht: „Was ist eine Ideologie?“
Warum nicht: „Was verstehe ich …“ oder „Was verstehst Du unter einer Ideologie?“

Wer auf die Frage „Was versteht man unter einer Ideologie?“ zu antworten versucht, müßte – in aller Konsequenz – auch entsprechend antworten.
Er müßte nur wiederkäuen, was jemand drittes – ein undefiniertes und geschlechtsneutrales man mit einem n – gesagt hat.

Das klingt so … distanziert.
So, als wäre das keine Definition, die ich bedenkenlos teilen könnte.
Oder so, als hätte ich mir das Verständnis für diesen Begriff gar nicht selbst errungen.
Ich könnte dann die Verantwortung für ein Mißverständnis von einem solchen Begriff dann immer an einen unbekannten Dritten abgeben:
„Jemand hat aber gesagt …“
„Ich habe nur wiederholt, was jemand anderes gesagt hat.“

Genauso könnte der Begriff man allerdings auch für eigene Zwecke mißbraucht werden.
Wenn wir bedenken, wem die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) zu welchem Zweck unterstellt ist, dann kann sich hinter dem Begriff man auch ein getarntes wir verbergen, um die eigene Ideologie besser zu verschleiern.

Bildschirmfoto vom 29. April 2021

Lassen wir das mal auf uns wirken.
Wenn wir selbst den Begriff der Ideologie noch nicht wirklich durchdrungen haben, auch, weil wir uns zu leicht täuschen lassen …
Ist es dann noch weiter verwunderlich, daß wir es bei der „BRD-Sekte“ erneut mit einer Ideologie zu tun haben?

Das Leben wird uns immer wieder mit Ideologien konfrontieren.
Bis wir verstanden haben, was eine Ideologie wirklich ist.
Nicht irgendein man.

Ein erstes Ideologiebeispiel als Einstieg

„Der Begriff steht für sogenannte Weltanschauungen, die vorgeben, für alle gesellschaftlichen Probleme die richtige Lösung zu haben.“
Wenn wir diese bpb-Erklärung für bare Münze nehmen, bedeutet es in letzter Konsequenz zwei Dinge:

  1. Es gibt niemanden und nichts, was die soziale Frage lösen könnte.
    Das wäre wiederum eine Weltanschauung, die a) sehr trostlos und b) nicht wahr ist.
  2. Diejenigen Menschen und Institutionen, die gerade die gesellschaftlichen Probleme zu lösen versuchen, müssen gleichfalls einer Ideologie angehören.
    Ansonsten hätten sie nie nach Macht gestrebt oder diktatorisch versucht, das vermeintliche Corona-Problem zu lösen.
    Ironischerweise paßt der zweite Satz der bpb dann allerdings dazu wie die Faust aufs Auge:
    „Menschen, die solche weltanschaulichen Ideen oftmals starr und einseitig vertreten, nennt man ,Ideologen’.“

Ein klassisches Eigentor.
Ein Exemplar, das jede gute Ideologiekritik zu finden und aufzuzeigen versucht.
Ein super Beispiel, um dem Leser zu veranschaulichen was u.a. eine Ideologie ausmacht:

Eine Ideologie widerspricht sich.
Sie ist unlogisch, nicht schlüssig.
Eine Ideologie ist nicht wahrhaftig, weil sie irgendwo den Bezug zur Wirklichkeit verloren hat.
Eine Ideologie ist – aus welchen Gründen auch immer – nicht dazu in der Lage, das eigene irrende Wirklichkeitsverständnis zuzugeben.

„Wenn ein ehrlicher Mensch erkennt, daß er irrt, dann wird er sich entweder seines Irrtums oder seiner Ehrlichkeit entledigen.“
(Unbekannt)

Eine Ideologie versucht trotz Irrtum und Widerspruch am eingeschlagenen Weg festzuhalten.
Eine Ideologie wird – wenn sie nicht rechtzeitig als eine solche enttarnt wird – früher oder später zu einer Diktatur.

Dabei ist es ganz egal, ob es sich um Ideologie und Diktatur in Staat, Sekte oder beispielsweise in einer Paarbeziehung handelt.

Was bedeutet der Ideologiebegriff?

„Das Wort kommt aus dem Griechischen und bedeutet ,Lehre von den Ideen‘.“

Diese Übersetzung trifft zwar sehr wohl zu.
Diese Übersetzung vermittelt allerdings im Hinblick auf die vorige Ideologiedefinition, dessen Widerspruch nicht jeder auf Anhieb erkennt, unterschwellig noch eine weitere Botschaft:
Ideen sind etwas gaaanz Gefährliches. Denke nicht nach und entwickle keine Ideen. Überlasse das Denken anderen Menschen. Ansonsten bist Du ein Ideologe.“

Ideologie steht bildungssprachlich für Weltanschauung.
In der Weltanschauung steckt wiederum eine Idee (→ Ideenlehre), wie die Wirklichkeit anzuschauen sei.

Die zentrale Frage hierbei ist nun, ob die zu beurteilende Weltanschauung wahr ist.
Ergreift die zu beurteilende Weltanschauung in ihrer Art und Weise die Wirklichkeit oder verkennt sie die Wirklichkeit?

Welcher Mensch würde eine wahre Weltanschauung rein intuitiv als Ideologie bezeichnen?
Vermutlich niemand.
Das heißt, daß wir den Begriff der Weltanschauung nicht mit dem der Ideologie gleichsetzen können.
Jede Ideologie ist eine Weltanschauung, ja.
Aber nicht jede Weltanschauung ist eine Ideologie.

Karl Marx versteht unter dem Ideologiebegriff das „falsche Bewußtsein“ einer Gesellschaft.
In der Wissenssoziologie hat sich der Ideologiebegriff als Bezeichnung für ausformulierte Leitbilder sozialer Gruppen oder Organisationen durchgesetzt, die zur Begründung und Rechtfertigung ihres Handelns dienen.

Während Karl Marx beim Ideologie-Begriff zustimmt, daß die Wirklichkeit nicht richtig ergriffen wurde – ob er sie selbst hingegen richtig ergriffen hat, ist eine andere Frage –, läßt die Wissenssoziologie die Frage nach wahrer oder unwahrer Weltanschauung ein wenig offener.

Doch wenn in dem Leitbild der Ideologie Formulierungen zu finden sind, die das eigene Handeln zu begründen und zu rechtfertigen versuchen, dann könnte es sein, daß Wort und Tat zueinander in Widerspruch stehen.
Und sobald diese Unstimmigkeit festgestellt werden kann, liegt auch der Beweis vor, daß irgendwo in der Beziehung zur Wirklichkeit ein Bruch vorliegen muß.
Der Widerspruch belegt, daß die Wirklichkeit ebenfalls nicht richtig ergriffen wurde.

Fassen wir bis hierhin zusammen:
Unter dem Ideologiebegriff ist ein falsches Wirklichkeitsverständnis zu verstehen.

Was charakterisiert eine Ideologie?

Grundsätzlich steht es jedem Mensch frei die Wirklichkeit anzusehen und zu interpretieren, wie er lustig ist.
An und für sich, so wage ich zu behaupten, juckt das niemanden.
Niemand würde ein Wirklichkeitsmißverständnis schon als Ideologie bezeichnen. Intuitiv würden wir wohl sagen, daß da noch irgendetwas fehlt.
Irgendetwas fehlt, um das Verständnis für den Ideologiebegriff „rund zu machen“.

Dem Menschen stehen für seine ICH-Entwicklung drei Seelenkräfte zur Verfügung:
Das Denken, das Fühlen und das Wollen.

Ich möchte Dich als Leser für Dein Eigenerlebnis nun zu folgender Frage einladen, die Du selbst beantworten solltest, bevor Du gleich weiterliest:
Welcher dieser drei Seelenkräfte würdest Du den Ideologiebegriff am ehesten zuordnen?
Dem Denken, dem Fühlen oder dem Wollen?

Um diese Frage, die Du spontan sicherlich richtig beantwortet hast, nun selbst zu beantworten, möchte ich ein klein wenig ausholen.
Ich möchte auf den Begriff der sozialen Kontrolle, genauer: der normativen Kontrolle zu sprechen kommen.
Soziologen kennen diese Begriffe.
Sie werden in der Umschreibung und Analyse von Sektenstrukturen gebraucht.

Die normative Kontrolle versucht innerhalb von sozialen Gruppen und Organisationen für die darin handelnden Menschen Normen vorzugeben.
Anders ausgedrückt: Mit normativer Kontrolle wird das Denken, Fühlen und Wollen dieser Menschen manipuliert.

Die normative Kontrolle durch Organisationskultur versucht eine starke „Ersatzfamilie“ zu gestalten, um ein gewisses Wir-Gefühl zu erzeugen.
Hier soll über ein emotionales Urteil die Seelenkraft des Fühlens „gewonnen“ (manipuliert) werden.

Die normative Kontrolle durch organisationale Identität hält eine Geschichte aufrecht, ein sogenanntes Narrativ, um den manipulierten Menschen glauben zu lassen, etwas zu sein, was er eigentlich gar nicht ist.
Der Mensch soll davon abgehalten werden, sich ein sauberes sachlich-logisches Urteil über die Wirklichkeit zu bilden.
Die Seelenkraft des Denkens soll hier „vernebelt“ werden.

Als drittes gibt es noch die normative Kontrolle durch Ideologie.
Hier geht es darum, das Handeln der sozialen Gruppe als (einzig) richtigen Weg zu begründen und „das dazugehörige Recht zu fertigen“.
Wer zu dieser Gruppe gehört oder gehören will, muß also genauso handeln, muß genauso handeln wollen.

Da sich eine Ideologie sehr stark mit der Seelenkraft des Wollens identifiziert, kann innerhalb von Ideologien auch sehr oft eine Überbetonung des moralischen Urteils erkannt werden.
(Vgl. u.a. die öffentliche Darstellung während der Corona-Dauerwelle: „Die Covidioten sind die Bösen. Nur wir sind die Guten.“)
Diese Urteile werden für allgemeingültig erklärt.
Jeder einzelne Mensch hätte sich dann diesem „allgemeingültigen Urteil“ über gute und böse Taten unterzuordnen.

Daraus folgt:
Ein falsches Wirklichkeitsverständnis wird dann zu einer Ideologie, sobald der Mensch versucht, dieses falsche Wirklichkeitsverständnis zur Wirklichkeit selbst zu machen.

(Eine „gemeine“ Frage: Und wann ist das im Alltag bereits der Fall?)

Welchen Anspruch jeder Nichtideologe an sich selbst stellen muß

Wenn Ideologen diejenigen sind, die die Wirklichkeit nicht als das wahrnehmen und erkennen, was sie wirklich ist, dann müssen Nichtideologen logischerweise genau das Gegenteil tun:
Sie müssen die Wirklichkeit als das wahrnehmen und erkennen, was sie wirklich ist.
Ihre Weltanschauung und ihr Weltbild müssen wahr sein.

Wenn ich dann die Wirklichkeit als das wahrnehmen und erkennen will, was sie wirklich ist, dann muß ich mir folgende Fragen stellen:
Was ist Wahrnehmen und wie funktioniert das Wahrnehmen?
Was ist Erkennen und wie funktioniert das Erkennen?

Und damit wären wir wieder einmal bei der zentralen Frage nach einer wahren Erkenntnistheorie angelangt.
Man kann es aber auch sein lassen.
Die nächste Ideologie wartet bestimmt schon auf neue Mitglieder.

Physisch erwachsen, das werden wir scheinbar von ganz allein.
Geistig hingegen – das müssen wir wirklich wollen!

Dies ist ein Artikel aus der Artikelserie: Das Hamsterrad der Ideologien
Dieser Artikel baut auf der erkenntnistheoretischen Grundlage von Rudolf Steiner auf. (vgl. GA 1 bis GA 4)

Martin Matzat

Martin Matzat ist Philosoph, Blogger und Autor sowie Erkenntnis- und Ideologieforscher. Der Dipl. Wirtschaftsingenieur, den die Lösung der sozialen Frage umtreibt, ist bis zur erkenntnistheoretischen Grundlage unserer Weltbilder vorgedrungen und sieht darin die Ursache gegenwärtiger und sich zukünftig wiederholender Ideologien.


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